| Home | Nordteil | Südteil | Links | Equipment | siempretranquilo.de |
Spät am Abend kommt Daniel nach Heidelberg und wir können endlich unsere letzten Vorbereitungen treffen. Über ein halbes Jahr ist es nun her, daß wir auf die Idee kamen Korsika zu durchwandern. Also teilen wir alles was an Equipment unseren Segen gefunden hat auf die zwei Rucksäcke auf.
Nach ganzen zwei Stunden Schlaf fallen wir aus unseren Betten, aber dank Reisefieber sind wir
sofort wach. Die erste 'Etappe' bringt uns nach Karlsruhe, wo wir Daniels Golf und uns vertrauensvoll
in Gregors Hände geben. Nach einem hervoragenden Frühstück in Karlsruhe geht es weiter nach Straßburg,
von wo wir mit dem Flugzeug weiterreisen. Seltsamerweise ist es am Flughafen nicht möglich (jedenfalls legal)
am Terminal kurz anzuhalten, um jemanden kurz ein- oder aussteigen zu lassen. Irgendwie schmuggeln wir uns
auf die Taxispur, so daß einer entspannten Anreise nichts mehr im Weg steht. Beim einchecken stellen wir
fest, daß unsere Rucksäcke jeweils 15,8 und 15,9 Kilogramm wiegen - viel besser kann man nach Augenmaß kaum aufteilen.
Ich weiß, hört sich schwer an, aber wir hatten ja auch schon für drei Tage Verpflegung eingepackt.
Geflogen sind wir übrigens mit Air Littoral, einer kleinen südfranzösischen
Fluggesellschaft. Die Strecke nach Korsika wird mehrmals täglich,
auch von Flughäfen in Deutschland aus, bedient, allerdings mit Umsteigen in Nizza. Germania Express
fliegt von Berlin aus direkt, aber nur nach Bastia, während man bei Air Littoral die Wahl zwischen mehreren
Zielflughäfen auf Korsika hat. Wir haben uns naheliegenderweise für Calvi entschieden, da man
von dort den Startort Calenzana (Nord-Süd-Richtung) zu Fuß erreichen kann.
Nach zwei kurzen Flügen in etwas kleineren, aber modernen und gut gepflegten Flugzeugen (Canadair RegionalJet
und ATR 42 für die, die es genau wissen wollen) sind wir also endlich auf Korsika.
Es ist inzwischen erst früher Nachmittag, noch Zeit genug, um in Ruhe zum heutigen Zielort zu kommen. Nach
Calenzana kann man nun entweder direkt querfeldein, oder über die Straße, die leider erst einen Umweg in Richtung
Calvi macht. Da wir uns am ersten Tag nicht gleich den Zorn der Korsen zuziehen wollen, wählen wir die Straße.
Nach einer Stunde hält neben uns ein Korse und fragt, ob er uns nicht mitnehmen solle. Wir akzeptieren dankend
sein Angebot, sparen wir uns so doch ca. weitere zwei Stunden Fußmarsch an der, nicht besonders idyllischen,
Straße entlang. In Calenzana angelangt beziehen wir Quartier auf dem Zeltplatz beim Gîte d'étape und gönnen uns
noch etwas flüssige Extranahrung aus dem örtlichen Sparmarkt. Um uns auf die kommenden Tage einzustimmen
gibt es zum Abendessen eine Riesenportion Ravioli, die uns beiden seltsamerweise schwer im Magen liegt. Aber
zum Glück gibt es die nächsten Wochen fast nur Nudeln und keine Ravioli:-).
Die Gîte ist übrigens in gutem Zustand, im Sommer 2003 wurde ein neues Sanitärgebäude errichtet. Auch hier
zahlt man den Standardpreis von 3,50€ pro Person für den Zeltplatz (Zelt kostet nix extra). Als Bonus stehen
auf dem Gelände diverse Hocker und Stühle zur Verfügung.
Bis spät abends hat sich gestern noch ein wahres Heerlager an Wanderwilligen eingefunden. Aber da wir gerne
etwas länger schlafen, waren die meisten schon unterwegs als wir endlich zu unserer allerersten GR20-Etappe aufbrachen.
Da die Gîte am Ortseingang liegt bekommt man gleich reichlich Gelegenheit durch das schnucklige Dorf
zu laufen. Auf etwas eigenwilligen Wegen ist die Strecke zum eigentlichen Einstieg an der Kapelle gut
markiert. Die Einheimischen sehen aus als würden sie sich über die komischen Leute wundern, die sich
früh am morgen mit großem Gepäck durch das Dorf schleppen. Dabei müßten sie vom Sommer eigentlich
noch viel schlimmere Menschenmaßen gewohnt sein.
Glücklicherweise konnten wir uns gestern schon etwas einlaufen, da der erste Tag ja immer der Schlimmste ist...
Mäßig steil geht es in die Berge, aber wir müßen immerhin von ca. 200m auf über 1500m zum Refuge.
Eigentlich hätten wir es besser wissen müßen, aber wir begehen den Anfängerfehler, die Tour viel zu schnell
anzugehen. So holen wir die meisten Frühaufsteher unterwegs wieder ein, aber das Tempo sollte sich später noch rächen.
Die Strecke führt uns durch einige erst kürzlich verbrannte Hänge und weite Macchiafelder, später auch ein paar
kleinere Kletterstellen, wo wir uns vom bedenklichen Zustand der (zum Glück ziemlich überflüssigen) Seilsicherungen
überzeugen können. Unterwegs können wir immer wieder den schönen Blick zurück auf das Meer genießen und
freuen uns schon auf Badevergnügen, aber davor liegt noch die ein oder andere Bergetappe...
Der Schweiß rinnt beim Aufstieg in Strömen, aber die leichte Bewölkung bewahrt uns vor dem GAU.
Das Refuge liegt am Westhang, wodurch man, bei entsprechendem Wetter, abends die Sonne genießen kann. Das
ist heute auch bitternötig, da der kräftige, eiskalte Wind für echtes Hochgebirgsfeeling sorgt. Nachdem wir das Zelt
mit einem schmucken Mäuerchen vor den Böen gesichert haben, gönnen wir uns erstmals die unvermeidlichen Nudeln
mit Tomatensoße, die uns mit reichlich Kohlehydraten versorgen.
Da es nachts eher schattig ist und eine Isomatte nicht zu den bequemsten Unterlagen dieser Welt zählt stehen wir schon um 6:30 Uhr auf.
Den Tag beginnen wir mit dem Ritual des Teeschekochens. Erst einmal die kalten Knochen aufwärmen und die herrliche Morgenluft geniessen.
Meine Empfehlung lautet: packt euch verschiedene Teesorten ein, wenn man die einzige Sorte nicht mag, verliert das Ganze doch nach einigen
Wiederholungen. Was natürlich passiert, wenn man früh aufsteht, ist daß man mit allen anderen gleichzeitg losläuft, also quasi in die korsische
Rushhour gerät.
Die Landschaft zeigt sich schon jetzt erfrischend abwechslungsreich, zuerst klettern wir über einige Felsplatten, später wandern wir zu meiner
Überraschung durch ausgedehnte Birkenwälder. In meiner Vorstellung war die Insel doch sehr von Waldbränden geprägt, was sich aber als großer
Irrtum herausstellen sollte.
Bald erreichen wir die 2000m und werden mit hochgebirgstypischen Aussichten belohnt. Nach der Hälfte der Etappe, also ca. drei Stunden, erfährt
unser Tempo einen ersten Dämpfer. Mein linkes Knie fängt aus heiterem Himmel an zu schmerzen und macht keine Anstalten das wieder abzustellen.
Im Nachhinein kann ich nur mutmaßen, daß es an unserem viel zu hohen Einstiegstempo lag. Wieder eine Empfehlung: langsam angehen lassen.
Oder wie es Uli Keuler ausdrückte: „tranquilo Leudle, tranquilo“.
Bis zum Abstieg zur Hütte haben wir noch einiges an Gratkraxelei zu überwinden und trotz häufiger Pausen wird das Knie nicht besser.
Irgendwann kommen wir aber dennoch am, recht schön im Wald gelegenen, Refuge an und können uns gerade noch einen der letzten vernünftigen
Biwackplätze sichern. Wir gönnen uns den Luxus eines Hüttenbieres, das zwar sehr lecker, aber mit 3,80€ für ein 0,25l Fläschchen nicht ganz günstig ist.
Zum Glück gibt es kaum etwas, was ein deutscher Ingenieur (Daniel) und ein Bier nicht richten können und so können wir das Thema ‚vorzeitiger
Abbruch’ getrost auf die nächste Verletzung verschieben.
Ob der horrenden Bierpreise verlegen wir uns auf den köstlichen Hauswein und erleben den Sonnenuntergang von der rustikalen Terrasse aus.
Am Anfang dieser Tagesetappe fragen wir uns, ob die Schilder „bei Regen gefährlicher Weg“ Sinn machen oder Panikmache sind.
Sie machen Sinn.
Nachdem wir eine Hängebrücke überquert haben geht es auf blanken, sehr abschüßigen Steinplatten oberhalb einer Schlucht entlang.
Es gibt zwar eine Halteleine, aber der TÜV hätte da sicher ein paar Vorschläge...
Mein Knie ist zwar weitgehend wieder hergestellt, aber da ich die gestrige Etappe praktisch auf dem rechten Bein beendet habe,
kann ich mich heute an einem nicht zu verachtenden Muskelkater erfreuen. Glücklicherweise geht es lange, lange nur bergauf, was meiner
bevorzugten Bewegungsrichtung entspricht. Auf dem höchsten Pass des Tages gönnen wir uns eine ausgedehnte Pause und sind fasziniert
vom bis ans Meer reichenden Ausblick über etliche Gebirgsketten hinweg. Das Ziel ist heute eine der drei Skistationen am Weg.
Das bringt einerseits sehr häßlichen Kontakt mit der Zivilisation mit sich, hat aber andererseits den Vorteil eines richtigen Restaurants.
Nachdem wir die Füße in einem kalten Gebirgsbach angenehm abgekühlt haben, profitieren wir ein wenig von den humanen Getränkepreisen
in der örtlichen Bar. Ob die übrigen Restaurantbesucher sich wohl an unserem natürlichen Wohlgeruch gestört haben? Wir werden es nie erfahren.
Bei aller Nächstenliebe, aber den Herdentrieb der Franzosen, sich nach der Ankunft sofort (und halbnackt wohlgemerkt!)
in einer Reihe vor der einzigen eiskalten Dusche aufzustellen, werde ich mit Sicherheit niemals nachvollziehen können.
Für die heutige Etappe haben wir uns etwas ganz besonderes ausgedacht, etwas abweichend vom GR20 wollen wir direkt über den Monte Cinto.
Dadurch verpassen wir leider den Cirque de Solitude, aber eine extra Etappe mit gleichem Hin- und Rückweg wollen wir nicht einlegen. Also
machen wir uns an den Anstieg und freuen uns über den sehr wenig begangenen Weg. Anfangs durch Kiefernwälder geht es bald über knifflige
Kletterpassagen bis wir schließlich auf einem kleinen Plateau Rast machen. Der Blick schweift öfter zum Grat, der leider immer wieder von Wolken
verhüllt wird. Dazu treffen wir schon früh Tagesausflügler, die sich ob des schlechten Wetters zur Umkehr entschloßen haben. Der Weg wird sehr
beschwerlich, da wir uns durch immer steiler werdende Geröllhänge kämpfen müßen. Noch ein Tip: ohne Stöcke hätten wir spätestens hier keine
Chance mehr.
Als wir endlich auf dem 2600m hohen Grat ankommen, wird uns klar, daß dies eine sehr lange Etappe werden wird, da wir ab hier zum Gipfel und
wieder zurück müssen. Über die extrem zackige Oberkante des Cintomassivs dauert es noch eine geschlagene Stunde bis zum Gipfel auf 2706m.
Wie abzusehen liegt der Gipfel in den Wolken, aber wir brauchen eh eine Pause, also warten wir, ob es nicht vieleicht doch noch aufklart.
Da unsere Hoffnung leider nicht erfüllt wird machen wir uns wieder an den Abstieg. Über endlose Geröllfelder müßen wir uns den schlecht
markierten Weg suchen und gelangen, am Lac du Cinto vorbei, schließlich in das richtige Tal, das uns zum Ziel führen sollte. Inzwischen scheint
wieder die Sonne, was den Abstieg zu einer schweißtreibenden Angelegenheit macht.
Als wir kurz vor Sonnenuntergang an der Hütte ankommen sind wir elf Stunden unterwegs gewesen und ich hab so richtig keinen Bock mehr,
auf der Suche nach einem Zeltplatz über das Gelände zu stolpern. Bis wir endlich eine winzige freie Parzelle (das Gebiet ist sehr felsig) gefunden
haben sind wir einigermaßen tot. Immerhin erbarmen sich ein paar Holländer und lassen uns an ihrem Festmal teilhaben, es gibt Linsen und Spaghetti.
Nach der gestrigen Mörderetappe, heute ein Tag zum Erholen. Lediglich ein kleiner 600m Anstieg ist zu bewältigen, der Rest sind wirklich
angenehme Waldwege und regelrechte Autobahnen.
Kurz nach dem Aufbrechen kommen wir schon an der Bergerie de Ballone vorbei, die eine etwas seltsame Schlafgelegenheit parat hält.
Gemütlich geht es nun, immer auf gleicher Höhe in das nächste Tal, mir fällt auf wie schön es eigentlich ist durch den Wald zu gehen.
Nach dem Pass gehen wir nicht den regulären Weg über das Refuge Ciuttulu di i Mori, sondern nehmen die ‚Abkürzung’ direkt ins Golotal.
Der Weg wird nun zusehens breiter und ausgetretener, da sich hierher auch viele Tagesausflügler verirren. Der Grund hierfür sind die vielen
wirklich wunderschönen Wasserbecken, die sogenannten Gumpen, die zu einem erfrischenden Bad einladen. Viel später, nachdem wir das letzte
Mal den Golo gequert haben wandern wir wieder durch den Wald und erwarten jeden Moment am Hotel herauszukommen. Der Weg zieht sich
aber noch wie Kaugummi, wobei man noch genau auf die Markierungen achten muß, da unterwegs einige kleinere Wanderwege kreuzen. Fast
ein wenig bizarr mutet die Kreuzung mit dem Mare a Mare nord an, man glaubt auf ein mal mitten in Wald auf eine alte Römerstraße zu treffen.
Immerhin ist es dann wirklich nicht mehr weit zum Hotel, aber wir merken doch das erste mal die kummulierte Anstrengung der letzten Tage.
Der gesamte Hotelkomplex ist natürlich unglaublich hässlich und liegt zudem direkt neben einem Skilift. Allerdings wird man für alles mit einem
außergewöhnlichen Luxus belohnt: warme Duschen. Ein herrliches Gefühl, noch dazu waschen wir ein paar unserer Klamotten, die aber im kalten
Wind nicht so recht trocknen wollen. Im hoteleigenen Laden decken wir uns mit Proviant für die nächsten Tage ein und entschließen uns am
abendlichen Fressgelage im Hotelrestaurant teilzunehmen. Wie in Frankreich üblich wird ein (minimum)Dreigängemenu kredenzt und dieses mit
einer Flasche Hauswein begossen.
Auf diese Weise können wir zwar unsere Idee vom günstigen Wanderurlaub so was von überhaupt nicht umsetzen, aber man gönnt sich ja sonst nichts.
Tja, eigentlich hatten wir ja Sorgen, daß uns die korsischen Hausschweine an die Vorräte gehen, aber heute
morgen müßen wir feststellen, daß die ortsansässigen Katzen sich auch nicht lumpen lassen. Jedenfalls fehlen aus
der Lebensmitteltüte der Bergkäse und die Honigschnitten (leckeres brotähnliches Zeug). Deshalb an dieser
Stelle noch ein Vorschlag: nachts die Lebensmittel mit ins Zelt nehmen, aber nicht tagsüber wenn man gerade
nicht da ist (z.B. Zähneputzen), dann lieber im Vorzelt lagern, da die Viecher sonst evtl. das Zelt aufreißen,
um an die Leckereien zu kommen.
Die heutige Etappe ist auch eher entspannt. Und das ist auch gut so. Uns hängt immer noch die Cintotour
in den Knochen. Vorbei an schrägen Buchen geht es zum Lac de Nino, einem der größeren Bergseen. Er ist
richtiggehend belagert von Pferden, Rindern und Schweinen und natürlich von Touries...
Streckenweise sieht die Landschaft aus als hätte irgendein größenwahnsinniger König die gesamte Umgebung in
einen Park verwandelt, denn der Weg schlängelt sich über winzige Bachläufe, kurzes tiefgrünes Gras, kleine,
künstlich wirkende Sträucher und vereinzelte Bäume. Sehr interessant.
Der Zeltplatz stellt sich als sehr gepflegt heraus, dafür sorgen die vollbiologischen Rasenmäher. Außerdem
handelt es sich hier um das erste Refuge Korsikas mit Mülltrennung! Die Sanitäreinrichtungen geben leider
kein so gutes Bild ab. An das unvermeidliche Stehklo hat man sich inzwischen gewöhnt, aber nur ein einziges
Waschbecken mit zwei Wasserhähnen zur Versorgung des ganzen Campingplatzes führt zu regelrechtem Gedränge
beim Zähneputzen. Da unser Spiritusvorrat sich langsam dem Ende zuneigt bedienen wir uns der öffentlichen
Kochstelle, die leider auch so überlaufen ist, daß wir uns fragen wie das im Sommer eigentlich funktionieren soll.
Daniel stellt fest, daß korsische Refuges vom handwerklichen Standpunkt aus gesehen unter aller Sau sind.
Über Nacht gab es den ersten Regen überhaupt und von Ferne war leichtes Gewittergrollen zu vernehmen.
Heute genießen wir mit den schönsten Aufstieg überhaupt. Der Weg ist interessant und führt uns stetig zu einem
Pass, nach dessen Überschreitung sich uns sein atemberaubendes Panorama bietet. Zu unseren Füßen liegen zwei Seen
über die kleine Wölkchen hinwegfließen. Der Blick zurück reicht bis zum Meer und erinnert uns daran, daß
wir uns überhaupt auf einer Insel befinden. Wir bewegen uns weiter über diverse Grate, bis wir unter uns das
Refuge de Petra Piana sehen, ab da beginnt ein ziemlich häßlicher Abstieg, zum Teil durch enge, steile Bachläufe
mit gefährlich rutschigen Felsen. Da diese Etappe nicht allzu lange dauert machen wir uns nach einer ausgedehnten
Erholungsphase wieder auf die Socken, um noch eine zweite Etappe zu laufen. So können wir nach dem Nordteil
einen Ruhetag einlegen und verlieren nicht mal Zeit dabei.
Zum Refuge d'Onda wählen wir die kürzere alpine Variante. Das Wetter schlägt um und wir gehen die letzten drei Stunden
in den Wolken, was sehr schade ist, denn der Reiseführer verspricht von hier eine super Aussicht. Der Abstieg wird am Ende
noch mal eine Herausforderung, denn mein Knie glaubt sich an die Schmerzen der 2. Etappe erinnern zu müßen.
Das Refuge, das wir nach 10 Stunden erreichen, erinnert stark an einen Bauernhof. Jede Menge Pferde, Schafe und
die wilden Hausschweine, weswegen der eigentliche Zeltplatz auch eingezäunt ist. Das hält ein besonders dreistes
Schwein jedoch nicht davon ab in unser 'Gehege' einzubrechen und sich über diverse Mülltüten her zu machen.
Wir sind ja inzwischen daran gewöhnt von den sanitären Einrichtungen nicht gerade verwöhnt zu werden, aber
der Abschuß ist wirklich das verwesende Schaf hinter dem Klohäuschen. Da könnte einem schon mal der Appetit vergehen.
Die Doppeletappe hat auch eine ganz überraschende Nebenwirkung: wir sehen endlich mal andere Gesichter als in
der vergangenen Woche.
Wir haben geplant heute noch nach Corte zu fahren, also müßen wir ausnahmsweise mal richtig früh los, sogar die Schafe
schlafen noch. Die Luft ist noch eiskalt, aber der Anstieg liegt in der prallen Sonne. Schon nach 2 Stunden haben wir den
letzten Anstieg des Nordteils hinter uns und nehmen den Weg ins Tal in Angriff. Jetzt könnte man noch einen Umweg über
den Gipfel des Monte d'Oro machen, aber wir sind in den Köpfen schon am Bahnhof in Vizzavona. Der größte Teil des Abstiegs
führt entlang eines Baches, der immer wieder sehr schöne Gumpen bildet. Da die Wassertemperatur mit eiskalt zu bezeichnen
ist verkneifen wir uns aber ein Bad. Je weiter wir nach unten kommen, desto mehr Touries kommen uns entgegen. Ganze
Heerscharen nutzen den Sonntag, um ihre Familien den Berg hochzuscheuchen. Kurz vor Vizzavona kommen wir an einen
Kiosk, wo wir uns ein leckeres Eis gönnen. Die Zivilisation hat uns wieder. Ziemlich erschöpft kommen wir schließlich am
Bahnhof an. Im empfehlenswerten Café am selbigen verdrücken wir zwei korsische Käseomeletts und gesellen uns dann
zu den anderen wartenden Reisenden. Die Fahrkarte von Vizzavona nach Corte und zurück für zwei Personen kostet 22,80€.
Der letzte Zug währe sogar erst um 18:20 Uhr gefahren, wir hätten also ruhig etwas länger schlafen können.
Die Zugfahrt selbst gestaltet sich halbwegs abenteuerlich. Der Zug dürfte ungefähr mein Alter haben, die Schmalspurschienen
sind in keinem ermutigenden Zustand und die Strecke führt nicht selten an finsteren Abgründen entlang. Nach einer
Stunde Schaukelei erreichen wir Corte. Die Campingplätze sind weitgehend ausgeschildert, wichtig ist, sich aus dem
Bahnhof kommend links zu halten. Der Angestellte auf dem ersten Campingplatz scheint heute keine Lust zu haben und
schickt uns mit einem gemurmelten 'complet' vom offensichtlich halbleeren Gelände. Glück für uns, denn der zweite Platz
"Alivetu" (2 Pers. + Zelt 15€ pro Nacht) ist um längen besser. Zwischen alten Olivenbäumen hat man abseits der Straße
die Ruhe sich gut zu erholen. Anständige Duschen, Toiletten, Waschwannen und heißes Wasser tun ihr Übriges, um uns den
Aufenthalt zu versüssen. Nach einem kleinen Nachmittagsschläfchen sind wir abends wieder soweit in der Lage die
Altstadt in Augenschein zu nehmen. Die Straßen sind zwar schon vom Tourismus geprägt, aber wir freuen uns mal wieder
ein Bier in einer richtigen Kneipe zu trinken.
Ahhh, aufwachen und nicht loslaufen müßen, sondern noch mal umdrehen und weiterschlafen. Heute erledigen wir all das,
wofür wir keine Gelegenheit oder keine Muße hatten. Ganz wichtig: Spiritus gibt es nirgendwo auf den Hütten zu kaufen, die
Franzosen scheinen ausschließlich mit Gas zu kochen. Gaskartuschen waren jedenfalls ab und an käuflich zu erwerben.
Danach machen wir uns daran unseren Wandersocken den üblen Geruch auszutreiben, was uns aber auch nach mehrmaligem
waschen nur begrenzt gelingt. Da mir unterwegs meine Stöcke kaputt gegangen sind machen wir uns auf die Suche nach
dem einzigen Sportladen in Corte. Entgegen anderslautender Auskünfte ist der Laden nicht gerade überreichlich bestückt.
Wanderstöcke haben sie z.B. fast nur einzeln, so daß ich gezwungen bin mir die superduper-highend-equipment-sticks mit
eingebauter Federung zu leisten. Währen des sehr entspannten Nachmittags komme ich sogar dazu Postkarten zu schreiben.
Inzwischen haben wir auch sämtliche mitgebrachte Literatur verschlungen, weswegen wir neue Bücher kaufen. Aus
gewichtstechnischen Gründen sollte man die alten Bücher natürlich entsorgen, aber ich mag die Bücher wirklich (von Coelho
und Márquez), also trage ich bis zum Ende inklusive des Reiseführers und der Landkarten eine kleine Bibliothek mit mir herum.
Etwas Kultur muß auch sein und so begeben wir uns auf die unvermeidliche Stadtbesichtigung und erfahren, daß es in
Corte sogar eine Universität gibt. Den Abend verbringen wir in einem exzellenten Restaurant an der Hauptgeschäftsstraße,
dem Cours Paoli, mit einem opulenten Mal. Im "Echequier" stimmt vom Ambiente über das Essen bis zum Service wirklich
alles. Zum Dessert bekommen wir noch eine Gratisprobe des alten korsischen Bergkäses, der laut Asterix Schiffe in die Luft
jagen kann. Über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten, aber es ist eine interessante Erfahrung, wenn die Zunge
von einem Stück Käse anfängt zu brennen.