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Der Vorteil an der Zivilisation ist es, daß man morgens zum Bäcker gehen kann, um sich ein leckeres
Frühstück zu kaufen. So finden wir uns mit einigen anderen Wanderwilligen am Bahnhof in Corte ein,
um mit dem Morgenzug um 8:42 Uhr wieder nach Vizzavona zu fahren.
Dort angekommen dürfen wir zum allerersten Mal unser Regenequipment auspacken. Wie wir schon
in den Alpen beobachten konnten, lockt auch auf Korsika der Regen die Feuersalamander aus ihren
Verstecken. Insgesamt ist es eine angenehme Wiedereinstiegsetappe mit schönen Waldwegen und
dem ersten Blick auf die Ostküste, die nach dem ersten Pass in nicht all zu weiter Ferne auftaucht.
Das Refuge liegt leider wieder in einem erwartungsgemäß hässlichen Skigebiet. Die Vorteile daraus
sind eine Gîte d'étape, in der wir uns eine heiße Schokolade gönnen, und der Gratiszeltplatz. Für
den gilt allerdings auch "was nichts kostet ist nichts wert". Dank der widrigen Wetterverhältnisse
üben wir uns abends im extreme-wind-cooking, inzwischen könnten wir Nudeln mit Tomatensoße
auch mit verbundenen Augen kochen, aber nichtsdestotrotz schaffen wir es den Packriemen des
Kochers durchzuschmelzen.
Als krönenden Abschluß des Tages bekommen wir eine, von Blitzen erhellte, Gewitterwolke über der
Küste zu sehen, die zudem vom beinahe-Vollmond angeleuchtet wird. Interessante Perspektive.
Auch heute ist die Strecke anfangs nur mäßig alpin, dafür gibt es einige nette Kletterstellen.
Die neuen Stöcke funktionieren übrigens einwandfrei, Geiz ist eben nicht wirklich geil...
Nach zwei Dritteln des Weges erreichen wir den Col de Verde. Das hiesige Etablissement ist
eher auf Straßentouries eingerichtet, der Wirt verscheucht uns jedenfalls gleich von seiner spärlich
besuchten Terrasse. Also fassen wir am Brunnen noch schnell Wasser und gönnen
uns unsere Pause eben ein Stückchen weiter im friedlichen Wald.
Zum Refuge geht es jetzt auf einen richtigen Gebirgszug, der die Topologie des südlichen Korsikas
beherrscht. Die Hütte liegt auf 1840m und bietet mit den besten Ausblick auf der gesamten Strecke.
Direkt zu unseren Füßen liegt das Mittelmeer und bildet eine herrliche Kulisse für den Aufgang des
Vollmondes und der Sonne am nächsten Morgen.
In der Abendsonne gönnen wir uns das verdiente Feierabendbierchen und laben uns am köstlichen
Käse, den der freundliche Hüttenwirt verkauft. Zum Schlafen suchen wir uns einen zwar schrägen,
dafür aber windgeschützten Platz. Das sollte sich aber nur insofern lohnen, als daß wir vor lauter
Herumrutschen nicht richtig zum Pennen kommen und folglich auch nicht frieren.
Nachdem wir eh nicht schlafen konnten, stehen wir frühzeitig auf, um den Sonnenaufgang mitzuerleben.
Die Hüttenschläfer sind trotzdem scheinbar schon seit Stunden auf den Beinen und machen sich
noch im Halbdunkel auf die Socken.
Die heutige Etappe fürt uns auf dem Gebirgszug entlang, in Richtung Süden. Entsprechend schöne
Kletterstellen sind zu erklimmen, und entsprechend kräftig pfeift uns der kalte Wind um die Ohren.
Kurz vor dem Refuge kommt der Monte Incudine in Sicht, der letzte Gipfel der Tour, den wir morgen
überqueren werden. Das Lebensmitteldepot verdient fast schon den Namen Supermarkt, denn
die Auswahl an Lebensmitteln ist ungleich größer als in allen anderen Hütten. Zum Glück, denn in
den letzten Tagen haben wir unsere Vorräte sehr knapp geplant. Noch ein Tip: immer ein
Reserveessen einplanen, wiegt zwar, aber falls man Biwackieren muß oder es nicht die erwarteten
Einkaufsmöglichkeiten gibt, ist man froh um die warme Mahlzeit.
Trotz richtig mießem Wetter haben wir abends erstaunliche 18 Grad im Zelt. Die brauchen wir auch,
um für die morgige Etappe Kräfte zu sammeln, denn der Monte Incudine ist noch sehr weit entfernt.
Da wir einen längeren Weg vor uns haben, bauen wir das Zelt schon ab, während das Teewasser
kocht. Was aber bitte nicht als Hektik oder Streßmache in irgendeiner Form mißverstanden
werden soll.
Die Strecke ist sehr abwechslungsreich. Zuerst noch über den Gebirgsgrat, später dann durch
lichte Wälder und schließlich sundenlang über eine Ebene, in der wir der Sonne schutzlos ausgeliefert
sind. So gelangen wir an eine Hängebrücke, an der sich angeblich eine Restauration befinden soll.
Außer ein paar geschichteten Steinen deutet aber nichts darauf hin, daß sich hier jemals jemand
außer den Kühen bedient haben soll.
Bald nach der Brücke findet man die Ruinen eines abgebrannten Refuges, die sich zum Biwackieren
eignen. Wenn man hier übernachtet kommt man sehr früh auf den Gipfel, wodurch man größere
Chancen auf einen ungetrübten Ausblick bis nach Sardinien hat.
Wir laufen jedoch weiter und stellen fest, daß der zu besteigende Gipfel erst kurz vor dem Ziel
hinter den gestern gesehenen Bergspitzen auftaucht. Wie befürchtet liegt der Gipfel bereits in den
Wolken. Zu allem Überfluß fängt mein Knie wieder an zu schmerzen, was den, nicht ganz trivialen,
Abstieg auch nicht angenehmer macht. Als es auch noch anfängt zu regnen ist unsere Stimmung
denkbar schlecht, bis wir nach 8,5 Stunden endlich im Refuge ankommen. Um den Kohlenhydratverbrauch
wieder aufzufüllen gibt es zum Abendessen die doppelte Portion Nudeln, wir wundern uns, daß das
Zeug immer noch schmeckt. Zusammen mit einigen andern Deutschen sitzen wir in einer netten
Runde zusammen und wundern uns über das Duschritual der Franzosen, es ist wirklich kalt und die
Leute stehen in Unterwäsche vor der Dusche an. Als ob man nicht auch im Zelt warten könnte...
Dank der richtigen Kombination aus Bier und Schmerzmitteln haben wir hervorragend geschlafen,
so daß wir die alpine Variante zum Col de Bavella in Angriff nehmen. Nach ca. 80 Minuten zweigt
diese vom normalen Weg ab und führt durch die Bavella, die Dolomiten Korsikas. Oben ist uns endlich
ein Blick auf Sardinien vergönnt und ich wundere mich, wieso die Nachbarinsel so völlig bar jeglicher Berge ist.
Nach 4 Stunden sind wir am Col, haben also gegenüber der etwas weiteren Flachvariante keine Zeit
verloren. Dort gibt es so etwas ähnliches wie eine Ortschaft und immerhin einen kleinen Laden
mit allem was man so braucht. Man sollte hier beachten, daß es am Paliri nichts zu kaufen gibt.
Der letzt Anstieg geht zwar nur noch über lächerliche 200 Höhenmeter, aber die vergangenen
zwei Wochen stecken uns ganz schön schwer in den Knochen.
Da wir uns kaum mehr als 1000m über dem Meer befinden, wird es zunehmend heißer und wir
brauchen so viel Wasser, daß unsere Flaschen leider schon ein gutes Stück vor dem Ziel geleert
sind. Kurz bevor man die Hütte erreicht wähnt man sich in einem Kinder-Märchenwald. Der Gardien
hat auf hunderten von Metern bunte Steinchen aufgestellt, Auszüge aus dem "Petit Prince" an
Bäume geheftet und Stufen in den Weg eingebaut.
Auf dem letzten Zeltplatz vor dem Ziel in Conca bauen nur noch zwei Päärchen, der in Calenzana
mit uns aufgebrochenen Meute, ihre Behausungen auf. Wir sind glücklich, aber natürlich auch ein
wenig wehmütig, daß uns nur noch eine Etappe bevorsteht.
Als es abends kühl wird geht der Gardien extra noch eine Runde übers Gelände, um allen mitzuteilen,
daß er den Holzofen in der Hütte angefeuert hat, sehr gemütlich.
Wir brechen früh auf, da wir noch bis nach Favone ans Meer wollen. Der Abstieg fällt zum Glück nicht
zu steil aus, nur zieht sich die Strecke ewig. Unterwegs gibt es eine Quelle in der Nähe der Ruinen
einer Bergerie, aber Vorsicht, nachdem man die 500m abseits der Strecke zurückgelegt hat erwartet einen
zunächst eine zwar gefasste, aber ausgetrocknete Quelle. Man muß dann aber nur noch um die Ecke
weitergehen, um eine spärlich rinnende Wasserstelle zu finden.
Als wir dann endlich über den allerletzten Pass gehen fällt uns schon ein Stein vom Herzen. Trotz
aller Widrigkeiten und schwächelnden Gelenke haben wir es geschafft, wir sind den kompletten
GR20 gelaufen.
Ganz am Ende von Conca gibt es wieder eine Gîte mit angeschlossenem Restaurant. Das Essen ist
sehr gut und bewegt sich in der üblichen, überteuerten Preisspanne. Die Straße führt weiter nach
Ste. Lucie de Porto-Vecchio, wir wollen aber ans Meer, also müßen wir wieder ein Stück zurück
bis zur, mit winzigen Schildern gekennzeichneten, Abzweigung. Glücklicherweise hält schon nach
ein oder zwei Kilometern ein netter Korse der uns mitnimmt und uns sogar fragt, ob er uns zum
Campingplatz oder vielleicht doch lieber gleich zum Strand fahren soll. Was der Fußmarsch bedeutet hätte
sehen wir später an zwei anderen Wanderen, die auch auf dem Campingplatz in Favone abgestiegen
sind. Sie sind völlig erledigt und am Ende ihrer Kräfte, während wir gerade den ersten Strandspaziergang hinter
uns haben.
Es ist zu beachten, daß es weder in Conca noch in Favone einen Geldautomaten gibt, man sollte also
genügend Bargeldreserven dabei haben.
Da in Favone der Hund begraben liegt, machen wir uns auf, mit dem Bus nach Bastia zu fahren. Da
unser Geld aber nicht reicht (hätte 16€ pro Person gekostet) fahren wir nur bis nach Solenzara,
wo es bei der Post einen Geldautomat gibt. Nach gutem Essen fahren wir Nachmittags mit dem
zweiten und letzten Bus nach Bastia und finden dort dank Tourist-Information ein günstiges
Hotelzimmer. In der zweitgrößten Stadt Korsikas merkt man auch, daß es schon weit auserhalb der Saison ist, da abends kaum noch ein
Restaurant offen hat. Nach einer ausgiebigen Altstadtbesichtigung am nächsten Morgen, fahren wir
mit dem Zug nach Calvi. Ich kann nur bestätigen, wer auf Korsika nicht mit der Bahn gefahren ist,
hat eine interessante Erfahrung verpasst. In Calvi beziehen wir unser Quartier auf einem
ein-Sterne-Campingplatz, der unseren Ansprüchen völlig genügt. Die letzten drei Tage verbringen
wir damit die kaputten Knochen auszuruhen, im optimal temperierten Meer zu baden und uns den
Bauch vollzuschlagen. Am Ende sind wir jedenfalls sehr, sehr schwermütig drauf, als wir den
Flieger zurück in die Heimat besteigen.